Der Sinn der Gaben

Liebe Gemeinde,
als ich letztes Mal - vor 3 Wochen - über Gemeinschaft im Epheserbrief gepredigt habe, habe ich über ein paar Gaben gesprochen:
- Apostel,
- Propheten,
- Evangelisten,
- Hirten und Lehrer.
Ich habe die Predigt damals mit Eph. 4,12 abgeschlossen, wo das Ziel der Gaben des Heiligen Geistes genannt wird:

"...damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. V. 12a

Die Gaben, die der Geist Gottes Seiner Gemeinde schenkt, sind dazu da, dass wir Christen zum Dienst ausgerüstet werden.
Sie erfüllen keinen Selbstzweck und dienen auch nicht der Selbstdarstellung des Begabten - wie ich letztes Mal schon sagte - sondern dienen einzig und allein dazu, dass wir als Kinder Gottes zum Dienst an Gott und Menschen ausgerüstet werden.
Mit anderen Worten:
Jeder in der Gemeinde hilft mit, dass der jeweils andere seinen Dienst an Gott und Menschen immer besser tun kann.
Wir arbeiten im Moment im Vorstand an einer Aufgabenbeschreibung für alle Aufgaben, die es in unserer Gemeinde gibt.
Diese Beschreibung soll dabei helfen, dass jeder seinen Dienst noch besser machen kann und dass wir sehen können, wer noch keine Aufgabe hat oder welcher Dienst noch unbesetzt ist.
Wenn wir die Dienste ordnen und strukturieren, können wir besser sehen, wo ein Dienst effektiv ist und wo man noch etwas verbessern kann.

Dadurch - also durch die Ausrüstung der Gläubigen für den Dienst - soll der Leib Christi erbaut, d. h. aufgebaut, werden, V. 12b

Das heißt, die Gemeinde soll innerlich zusammenwachsen und auch an Zahl zunehmen.
Dabei ist nicht die Anzahl des Wachstums wichtig, sondern die Qualität.
Denn es geht weiter mit den Zielen:

bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi, V. 13

In diesem Satz finden wir 3 Ziele, deren Reihenfolge ich so umstelle, wie es die griechische Grammatik nahelegt:

1) Erkenntnis des Sohnes Gottes

Wir singen in einem Lied:
Das Höchste meines Lebens ist, Dich kennen, Herr.
Der christliche Glaube ist der Glaube an eine Person: Jesus Christus!
Wir glauben nicht an ein Buch oder eine tote Theologie!
Das haben viele Christen in den Jahrhunderten leider oft falsch verstanden!
Nein!
Wir glauben an eine lebendige Person, die uns liebt!
Und die lebendige Beziehung zu dieser Person ist das Allerwichtigste für einen Christen!
Deswegen besteht unsere Aufgabe als Christen in 1. Linie darin, diese Person so gut wie möglich kennenzulernen.
Indem wir Sein Leben und Seinen Charakter in den Evangelien studieren, beim Bibellesen auf Ihn hören und mit Ihm den ganzen Tag reden.
Und je mehr wir das tun, desto mehr wird die 2. Folge eintreten.

Wir werden immer mehr zu einer

2) Einheit des Glaubens
Einheit des Glaubens bedeutet nicht, dass wir immer einer Meinung sein sollen!
Einheit des Glaubens bedeutet auch nicht Gleichmacherei.
Glauben wächst organisch.
Das griechische Wort für Glaube kann auch mit Vertrauen übersetzt werden.
Weil wir ja einer Person folgen, nämlich Jesus Christus, soll unser Vertrauen in diese Person stetig wachsen.
Und dieses Vertrauen kann nur gemeinsam wachsen.
Das Neu Testament kennt keine Solo-Christen - es kennt nur die Gemeinschaft der Heiligen.
Das Geheimnis besteht also darin, dass wir als Gemeinde immer mehr zu einer Einheit des Glaubens zusammenwachsen, je mehr wir uns mit unserem Herrn Jesus Christus beschäftigen!
Und je mehr wir als Einheit des Glaubens zusammenwachsen, desto mehr tritt die 3. Folge ein:

3) Das volle Maß der Fülle Christi
Vor einigen Jahren hatten wir die Jahreslosung aus Kol. 2,3:

"In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis."

Christus verkörpert den ganzen Reichtum Gottes und je mehr wir Ihn wirken lassen, desto mehr werden wir auch an diesem Reichtum teilhaben!
Stellt euch vor, wenn der Friede Christi unter uns voll zur Entfaltung kommt, Seine Liebe, Seine Freude, Seine Geduld, usw.
Das wird ein Feuerwerk!
Und ist das nicht schon der Geschmack vom Himmel auf Erden?
Das Beste an dem Bild von der Gemeinde als Leib Christi ist, dass Christus, als unser Kopf, die Bedürfnisse seines Körpers am Besten kennt und am Besten stillen kann! (Eph. 1,22+23)
Ist das nicht toll?
Und je mehr wir Ihn in uns und unter uns wirken lassen, desto reifer werden wir als Gemeinde.
Hier wird das Bild von der "vollen Mannesreife" benutzt.
Nicht nur der "Schwob wird erst mit 40 g'scheit", sondern auch der jüdische Mann hat mit 40 erst die volle Mannesreife erreicht.
Wenn es nach der Anzahl der Jahre geht, dann sind wir als Gemeinde schon reif - wir sind ja schon über 40!
Aber - Spaß beiseite - es ist sehr wichtig, dass wir als Einzelne und vor Allem als Gemeinde in unserer Beziehung zu Christus immer reifer werden!
Warum?
damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind der Lehre bewegen und umher treiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen. V. 14

Wir haben in unserer Firma in jeder Abteilung sogenannte "Ausbildungsbeauftragte".
Meine Kollegin und ich gehören auch dazu.
Die Aufgabe der Ausbildungsbeauftragten ist es, die Auszubildenden - die Azubis - wie man so schön sagt, unter die Fittiche zu nehmen.
Dazu gehört, ihnen den Aufbau, den Zusammenhang und die Aufgaben in den einzelnen Abteilungen beizubringen oder dafür zu sorgen, dass sie es von den Kollegen lernen.
Am Ende der 1-4-monatigen Zeit in der Abteilung müssen wir ihre fachliche und soziale Kompetenz beurteilen.
Das Schwierigste, aber auch zugleich Spannendste an der Aufgabe als Ausbildungsbeauftragte ist für mich, die persönliche Entwicklung der Azubis im Laufe der Monate und Jahre zu beobachten.
Das Schönste daran ist, zu sehen, wenn sich aus oberflächlichen Schülern verantwortungsvolle Kollegen und Kolleginnen entwickeln.
Und genauso wie in der Ausbildung ist es im Glauben.
Wenn wir als Kinder Gottes neu geboren werden, dann sind wir mit Babys vergleichbar.
Mit der Zeit wachsen wir und werden zu Kindern, dann zu Jugendlichen und dann zu Erwachsenen im Glauben.
Es macht mich traurig, Christen zu sehen, die schon jahrzehntelang mit Christus leben, aber auf alle möglichen und unmöglichen Irrlehren hereinfallen!
Natürlich hat nicht jeder die Gabe der Geisterunterscheidung, aber nach einer gewissen Zeit im Leben mit Jesus darf man schon eine gewisse Reife erwarten.
Denn der Unmündige oder Unreife ist der Leidtragende:

a) Er wird von jedem Wind der Lehre hin- und her getrieben - wie ein Schiff, mit dem der Wind und die Wellen machen, was sie wollen.
Was meint ihr, was dieses hin-und her-geworfen-werden an Zeit und Kraft kostet, das einen auch noch im Glauben runterzieht, statt zu ermutigen!

b) Der Unmündige fällt auf hinterlistige Betrüger herein, die die Menschen im "frommen Mantel" um ihr Geld, ihren Besitz, ihre Zeit, usw. bringen!
In diesem Vers wird das Bild vom betrügerischen Würfelspiel benutzt.
Es gibt tatsächlich Menschen, die mit christlichen Worten, Lehren und Gesten viele Christen verführen!
Manche sind selbst irregeführt, aber viele von ihnen sind tatsächlich hinterlistige Verführer, die bewußt die Absicht haben, sich mit dieser "Masche" an anderen zu bereichern!
Ein reifer Christ fällt auf solche Menschen nicht herein.
Und eine reife Gemeinde ebenso nicht!
Deshalb lasst uns alles daran setzen, als Gemeinde immer reifer zu werden!
Wie kann das geschehen?
Darauf gibt uns der nächste Vers die Antwort:

Laßt uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, V. 15

Dieser Vers ist Annettes und mein Trauspruch!
Und wir üben bis heute darin, "wahrhaftig in der Liebe zu sein und gemeinsam zu Christus hinzuwachsen"!
"Wahrhaftig sein" (griech. alétheountes) ist im Sinne von "wahrhaftig handeln" zu verstehen.
"Wahrhaftig sein" ist mehr als nur die Wahrheit zu sagen.
"Wahrhaftig sein" schließt auch ein, dass man nicht heuchelt.
Manche Christen haben es bis zur Perfektion trainiert, sich "diplomatisch" auszudrücken.
Wenn man diese "Diplomatie" dann analysiert und alle Hintergründe kennt, dann überschreitet das sehr oft die Grenze zur Heuchelei und damit zur Lüge!
"Wahrhaftig sein" heißt ehrlich, aufrichtig und echt zu sein.
Das geht aber nicht ohne die Liebe!
Je nach Charakter und Temperament neigen einige von uns eher zur Wahrheit und andere eher zur Liebe.
Hier im Text geht es aber um das gesunde Gleichgewicht von Wahrheit und Liebe.
Jemand hat mal gesagt, wir sollen dem anderen die Wahrheit nicht wie einen nassen Waschlappen um die Ohren hauen, sondern wie einen Mantel hinhalten, in den er hineinschlüpfen kann!

Wahrheit ohne Liebe ist bloße Richtigkeit und

Liebe ohne Wahrheit ist bloße Menschlichkeit.

Es geht hier um Ausgewogenheit von beidem!
Der Ausdruck "in der Liebe" bezieht sich auch noch auf das nachfolgende Verb "wachsen".
Das heißt: Liebe ist die Atmosphäre, in der wir als Gemeinde zu Christus hinwachsen und zusammenwachsen können!
Die Liebe Gottes, die "Agape" ist das Lebenselixier, das uns verbindet und das wir brauchen, um überhaupt zu Christus, dem Kopf, hin wachsen zu können.
Aber das Wachstum geht nicht nur von den Körperteilen in Richtung Kopf, sonst könnten wir uns was auf unsere Leistung einbilden.
Das Wachstum geht auch vom Kopf in Richtung Körper:

von dem aus (vom Kopf aus) der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am anderen hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und macht, dass der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe." V. 16

Das ist die beste Zusammenfassung von unserem Text und vom Leib Christi!
Das ist mein Traum von Gemeinde!
Und das ist vor allem der sehnlichste Wunsch unseres Herrn Jesus Christus:
Dass wir immer mehr zu Ihm hin wachsen und Er zu uns!
Dass wir als Gemeinde ganz eng mit Ihm und miteinander verbunden sind!
Dass wir uns gegenseitig nach unseren Kräften unterstützen!
Und dass wir in einer Atmosphäre göttlicher Liebe als Gemeinde wachsen - innerlich und äußerlich!
Das ist nicht das Bild von Schlafwagen, sondern von Lokomotiven, die eng mit den Schienen verbunden sind.
Möge Gott uns Seine Gnade dazu schenken!
AMEN