Kommunikation nach Mt. 18,15-17

Liebe Gemeinde,
heute geht es um eine weitere Grundregel der Kommunikation in der Gemeinde.
Ich habe ja letzten Sonntag gesagt, dass Kommunikation verschiedene Bereiche betrifft.
Ein sehr wichtiger Bereich ist das Reden.
Letzten Sonntag habe ich über die Auswirkung von Tratsch gesprochen und was wir dagegen tun können.
Heute geht es um verbale Konfliktlösung – also darum, was man tun kann, um Konflikte in der Gemeinde mit dem Mund zu lösen.
Ich hoffe nicht, dass irgendjemand daran denkt, sie mit anderen Körperteilen zu lösen.
Dazu lese ich den Predigttext aus Mt. 18,15-18:

„Wenn dein Bruder dir Unrecht getan hat, dann gehe zu ihm und sage ihm was er verkehrt gemacht hat. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder zurückgewonnen.
Will er davon nichts wissen, nimm einen oder zwei andere mit, und versucht es noch einmal gemeinsam, ihn zur Einsicht zu bringen.
Wenn er auch dann nicht hören will, bringe die Sache vor die Gemeinde. Nimmt er selbst das Urteil der Gemeinde nicht an, dann behandle ihn wie einen, der gottlos und ungläubig ist.“

Überall, wo Menschen zusammen leben, kommt es vor, dass man aneinander schuldig wird.
Davor ist auch eine christliche Gemeinde nicht immun.
Natürlich versucht man als Christ von vorne herein, Sünde zu vermeiden.
Denn genau dieses Wort steht an dieser Stelle im griechischen Text in V. 15.
Und interessanterweise gibt es hier in V. 15 zwei Lesarten.
Die eine Version ist:
„Wenn dein Bruder Unrecht tut“.
Die zweite Version ist:
„Wenn dein Bruder dir Unrecht tut“.
Beide Versionen sind von der Schriftforschung der Bibel bestätigt und haben ihre Berechtigung.
Außerdem werden sie von anderen Textstellen des Neuen Testaments bestätigt.

Kommen wir zur ersten Version:
„Wenn dein Bruder Unrecht tut“.
Viele Jahre – vielleicht Jahrzehnte – hatten viele Christen in vielen Gemeinden Angst, den Mitchristen wegen einer Sünde anzusprechen – auch wenn sie noch so offensichtlich war.
Heute ist in den meisten lebendigen Gemeinden klar, dass wir als „Glaubensgeschwister“ eine große Verantwortung füreinander haben.
In Hebräer 10,24 lesen wir:

„Und weil wir auch füreinander verantwortlich sind, wollen wir uns gegenseitig dazu anspornen, einander Liebe zu erweisen und Gutes zu tun.“ (NGÜ)

Wir haben nach diesem und anderen Texten der Bibel sogar die Pflicht, den „Bruder“ oder die „Schwester“ auf Sünde hinzuweisen.
Wir haben ja einen klaren und verlässlichen Maßstab, anhand dessen wir unser Verhalten und das des Mitchristen beurteilen können und müssen – die Bibel!
Um das mal übertrieben auszudrücken:
Sollten wir mitbekommen, dass einer von uns einen Bankraub plant, geh ich mal davon aus, dass mindestens einer von uns ihn davon abhalten würde.
Aber wie ist es, wenn wir mitbekommen, dass einer von uns es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt?
Oder wenn wir mitbekommen, dass sich einer von uns systematisch ruiniert, weil er es offenbar nicht gelernt hat, sich in einem bestimmten Lebensbereich zu beherrschen.
Denken wir dann:
„Ach, wir sind ja alle nur Sünder und keiner von uns ist vollkommen.“
Oder tut es uns weh, den anderen so zu sehen?
Und wollen wir ihm helfen, dass er sein Leben wieder vor Gott verantworten kann?
Vergessen wir nicht:
Jeder von uns wird als das wahrgenommen, was er ist: Ein Teil der Gemeinde!

Kommen wir zur zweiten Version:
„Wenn dein Bruder dir Unrecht tut“.
Auch in einer christlichen Gemeinde kommt es immer wieder vor, dass einer von uns am anderen schuldig wird.
Da kann es zum Beispiel passieren, dass einer sich im Ton vergreift, oder überreagiert oder es gibt Situationen, in denen einer den anderen völlig zu Unrecht beschuldigt, usw.
Das kommt vor und „jeder von uns hat seine Fehler“ – haben wir letzten Sonntag im Jakobusbrief gelesen.
Wie gehen wir aber jetzt am Besten mit diesen beiden Versionen der Schuld um?
Unser heutiger Predigttext zeigt uns Schritt für Schritt, wie wir vorgehen sollen, wenn unser Mitchrist an uns schuldig wird oder wenn wir beobachten, dass ein Mitchrist offensichtlich gegen Gottes Wort verstößt.

„Wenn dein Bruder dir Unrecht getan hat, dann gehe zu ihm und sage ihm unter vier Augen, was er verkehrt gemacht hat. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder zurückgewonnen.“ V. 15

1) Da steht nicht: „Wenn dein Bruder/Schwester dir Unrecht getan hat, dann „lass es im Sande verlaufen“, „kehr es unter den Teppich“ oder „schieb es auf die lange Bank“.
Dazu gibt es eine gute Parallelstelle aus 1. Kor. 5,6-8:
Während ich das vorlese, möchte ich ein Döschen mit Sauerteig durch die Reihen geben, an dem jeder mal riechen soll.

„Wisst ihr nicht, dass schon ein wenig Sauerteig genügt, um den ganzen Teig zu durchsäuern?
Entfernt jeden, auch den allerkleinsten Rest des alten Sauerteigs, damit ihr und eure Gemeinde ein neuer, ungesäuerter Teig werdet. Ihr seid doch rein, weil Jesus Christus als unser Passahlamm geopfert wurde.
Darum meidet entschlossen den Sauerteig des Bösen und Schlechten, und lebt euer neues Leben im ungesäuerten Teig der Reinheit und Wahrheit.“

Wenn einer auf den anderen richtig sauer wird und diesen Sauerteig dann nicht ausräumt, dann fängt er erst richtig an zu gären.
Die Blasen platzen und er verpestet die ganze Atmosphäre mit seinem säuerlichen Geruch.
Diesen unangenehmen Geruch erlebe ich immer, wenn ich zur Tür hereinkomme und Annette den Sauerteig für das Brot gerade gehen lässt.
Auch die Kinder sagen: „Wie stinkt 's denn hier!“, wenn sie heimkommen.
Dieses Beispiel macht deutlich, dass es immer ein paar Leute gibt, die auf unangenehme Weise mitbekommen, wenn da etwas gärt zwischen uns.
Und obwohl sie nicht direkt betroffen sind, sind sie doch froh, wenn entweder der Sauerteig entfernt wird oder das Brot gebacken ist und es wieder gut riecht.
Man sagt nicht umsonst: „Es stinkt mir!“ oder „Ich bin sauer!“

2) Da steht auch nicht: „Wenn dein Bruder/Schwester dir Unrecht getan hat, dann „sag es ihr durch die Blume, damit es nicht so hart klingt“.
Dabei läufst Du nämlich Gefahr, dass er oder sie Dich entweder falsch oder überhaupt nicht versteht!
Eine andere Folge von „durch die Blume sagen“ ist, dass der andere in Zukunft bei jedem Deiner Worte eine doppelte oder dreifache Bedeutung versteht.
Und dabei geht das Vertrauen zu Dir letztendlich ganz verloren, wenn Du zu klärende Dinge nicht einfach klar ansprichst.
Natürlich sollten wir das, was wir zu sagen haben, dem anderen nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen, sondern wie einen Mantel hinhalten, in den er hineinschlüpfen kann.
Wir haben jetzt verstanden, dass wenn jemand etwas gegen uns hat, dann sollen wir es klar sagen, nicht aufschieben und auch nicht unter den Teppich kehren.

3) Das Ganze sollte zuallererst unter 4 Augen geschehen.
Das heißt, wir sollten Manns oder Fraus genug sein, die Sache selbst zu klären und nicht jemand anders vorschicken.

4) Es gibt etwas Außergewöhnliches an diesem 15. Vers:
Der Unschuldige sollte den 1. Schritt auf den Schuldigen zu machen!

„Wenn dein Bruder dir Unrecht getan hat, dann gehe du zu ihm...“

Das ist genau entgegengesetzt zu unserem Gerechtigkeitsempfinden!
Normalerweise denken wir ja:
„Wenn der was gegen mich hat, dann soll er doch kommen!
Seit wann kommt denn der Knochen zum Hund?“
Aber überlegen wir doch mal, warum Jesus selbst das so gesagt hat.

a) Oft ist der Schuldige so voller Wut, Ärger und schlechtem Gewissen, dass er sich selbst schlecht überwinden kann, die Sache zu klären.
Meistens ist der Unschuldige in solchen Fällen der Stärkere, weil er sich nichts vorzuwerfen hat.

b) Jesus hat es uns selbst so vorgemacht:
Er ist der Unschuldige und ist zu uns Schuldigen gekommen, um die Sache mit der Sünde zu klären!

c) Es ist aber auch kein Verbot für den Schuldigen, den 1. Schritt zu tun, wenn er seine Schuld eingesehen hat.
Auf jeden Fall hat auch der Schuldige die Verantwortung, die Sache zu klären und muss nicht warten, bis der Unschuldige zu ihm kommt.

5) Das Ziel ist ja:

„Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder zurückgewonnen.“
Es geht also nicht darum, nur Recht zu haben oder dem anderen die Meinung zu geigen!
Hans-Joachim Eckstein sagt dazu:
„Der Splitter im Auge des anderen ist meistens aus dem gleichen Holz wie der Balken im eigenen; deshalb sehen wir ihn auch so gut!“
Nein, es geht darum, das Vertrauen des Bruders / der Schwester zurückzugewinnen.

Kommen wir jetzt zum nächsten Schritt:
Wenn das 4-Augen-Gespräch schief gehen sollte, dann sagt Jesus:

Will er davon nichts wissen, nimm einen oder zwei andere mit, und versucht es noch einmal gemeinsam, ihn zur Einsicht zu bringen.“ V. 16

Oft ist es die entscheidende Hilfe, wenn eine oder zwei Vertrauenspersonen, die an der ganzen Sache nicht beteiligt sind, das klärende Gespräch leiten.
Das kann unter Umständen die erhitzten Gemüter kühlen und den Blick immer wieder auf das Ziel lenken – die Versöhnung!
Sollte aber auch so ein Gespräch nichts mehr nützen, dann sagt Jesus in Vers 17:

Wenn er auch dann nicht hören will, bringe die Sache vor die Gemeinde. Nimmt er selbst das Urteil der Gemeinde nicht an, dann behandle ihn wie einen, der gottlos und ungläubig ist.

Hilfe – was ist denn damit gemeint?
Man kann doch heutzutage nicht einfach jemanden blamieren!
Jesus und die Bibel gehen davon aus, dass wir als Christen Körperteile an Seinem Leib sind.
Folglich muss man einen Christen, der bewusst in Sünde lebt, als krankes Körperteil bezeichnen.
Zuerst versorgt man das kranke Körperteil medizinisch.
Wenn es nicht heilt, dann muss man medizinisches Fachpersonal zu Hilfe rufen.
Und wenn das alles nichts hilft und das kranke Körperteil verursacht eine Blutvergiftung am ganzen Körper, weil es einfach nicht heilen will, dann muss man es eben amputieren.
Das darf allerdings nur das allerletzte Mittel sein, weil es dem Körper Schaden und Wunden zufügt, die sehr lange heilen müssen.
Ich habe eine Situation erlebt, in der ein junger Mann, der Christ ist, eine verantwortungsvolle Aufgabe in einer Gemeinde hatte.
Er hatte ein Alkoholproblem und die Gemeinde hat alles getan, um ihm zu helfen.
Sie haben es ihm persönlich gesagt, mit mehreren zusammen, vor der ganzen Gemeinde, ihm versucht, Entziehungskuren zu vermitteln, usw.
Aber er war einfach zu stolz und zu stur, um all diese Hilfe anzunehmen.
Zum Schluss musste er aus der Mitgliedschaft der Gemeinde ausgeschlossen werden, weil er die ganze Gemeinde in der Stadt in Verruf brachte!
Gott möchte, dass die Welt an unserer Liebe untereinander erkennen soll, dass wir Seine Kinder sind.
Wir sollen mit unserm Leben die Bibel sein, die sie nicht lesen.
Aber das ist nur möglich, wenn wir wie reife Erwachsene und nicht wie beleidigte Kinder miteinander umgehen.
Ich schließe mit dem 1. Vers eines Liedes von Manfred Siebald.
Es ist ein Gebet um die richtigen Worte:

1.Gib mir die richtigen Worte,
gib mir den richtigen Ton.
Worte, die deutlich für jeden, von dir reden,
gib mir genug davon.
Worte, die klären; Worte, die stören,
wo man vorbeilebt an dir.
Wunden zu finden und sie zu verbinden -
gib mir die Worte dafür.
Gott möge mir und uns dabei helfen!

AMEN